Sonntag, 13. Januar 2013
Als ich ein Kind war, 8 oder 9 Jahre alt, bekamen wir in der Schule das erste Wörterbuch. Es war gelb, geklebt, recht dünn. Die erste Aufgabe bestand darin, in Vierergruppen zusammenzusitzen und Nachschlagschnelligkeitswettbewerbe zu veranstalten. So saß ich mit M, L und A in einer Ecke des Klassenraumes und der, der das Wort am schnellsten nachschlug, durfte ein neues suchen lassen. Einmal war ich der schnellste – und dachte, ich hätte ein besonders schwieriges Wort: Couch, und ließ die anderen danach suchen. Wenige Sekunden später schauten mich alle drei triumphierend an – nicht nur waren sie nicht auf meinen Trick hineingefallen, sie haben sogar bemerkt, dass es ein Trick war.
Heute heißen meine Freunde anders. Aus L wurde K, aus A ein anderer A und aus M D. Wenn ich mich mit ihnen unterhalte, weiß ich, dass ich keinen Wissensvorsprung, oder eher noch: haben kann. Alles, was ich habe, ist das Vertrauen. Alles andere lässt sich googlen. Situationen, in denen früher herumgerätselt wurde – Wie hieß noch der dritte James-Bond-Film?, Was für Zutaten gehören in eine Paella?, An welcher Autobahn liegt Kassel? - vornehmlich auf Parties, sind vorüber. Wenn K und ich in solche Situationen kommen, wo keiner von uns die genaue Antwort auf ein von uns aufgeworfenes Problem weiß, zückt sie wie selbstverständlich ihr Smartphone und überlässt google und wikipedia den Rest. Rätsel über Sachfragen kamen damit nicht mehr auf. A und ich setzen uns sogar gemeinsam an den PC, um Gerüchte über Stars, Einwohnerzahlen von Großstädten oder der chemischen Zusammensetzung der Alkan-Reihe zu überprüfen. Nur mit D, da läuft es anders. Weder er noch ich besitzen internetfähige Handys, unsere Gespräche bleiben gänzlich analog. Mir scheint es, dass dadurch gerade Sachthemen eine größere Tiefe erreichen als in anderen Gesprächen. Im Dialog arbeiten wir mit dem Wissen, welches wir in das Gespräch hineinbringen und den Meinungen, die wir daraus abgeleitet haben. Und genau der Mix aus Perspektive und Wissen, die „Meinung“, ist es ja, was mich am anderen interessiert, schließlich lässt sich alles andere aus unpersönlichen Informationsquellen herausfinden. Ein analoges Gespräch scheint einen Meinungs-, Perspektiven- und Positionsaustausch sehr viel mehr zu fördern als ein digital unterfüttertes. Es wird mit Logik und persönlicher Wertung gearbeitet, mit reflektierter Moralität und fluide Intelligenz. Immer häufiger höre ich von älteren Freundinnen und Freunden, aber auch in Erfahrungsberichten in Medien, dass es eine gewisse Gereiztheit gegenüber dem Habitus des Parallelbetriebs von analogen und digitalen Gesprächen gibt. Es ist leicht nachvollziehbar, wieso ein Gespräch, auf welcher Ebene auch immer, als wenig fruchtbar wahrgenommen wird, wenn einer der beiden ständig (auch nur kurzzeitig) im Internet verschwindet, um bei facebook etwas zu kommentieren oder bei Twitter die aktuelle Tätigkeit (Gespräch mit mir!) mitzuteilen. Diese Gereiztheit ist ja auch allzu
verständlich, doch mein Punkt hier ist ein anderer. Er betrifft das, was in meiner Anekdote relevant ist: Das Nachschlagen von Wissen. Das gewisse positive, soziale Interaktionen im Schatten von Wissen entwickelt wurden, zeigt sich an den Sanktionen, die (früher) gegen Verstöße dieser regelgeleiteten Unterhaltung ausgesprochen wurden. Natürlich hing das alles am persönlichen Auftritt, aber der Klugscheißer war eben der in einer Konversation von Ahungslosen durch den Störfunk des Wissens triumphal für die ungewünschte Ordnung sorgte. Die Besserwisserin wiederum war diejenige, die in meinem Gespräch die Brücken zerschlug, die sich die anderen Gesprächsteilnehmer gebaut hatten, in Form von Vermutungen, Halb-Wissen und humoristisch Inszenierten Erfindungen. Ein Aufschneider wiederum erzählte den Abend über viel, und jeder ahnte, dass er übertreiben würde oder im schlimmsten Fall bluffte. Aber man kam ihm nur durch die Besserwisserin bei, die im Strickmuster seiner Narration das Plagiat sehen konnte. Klugscheißer, Besserwisserin und Aufschneider – drei Typen, die den Charakter der glücklichen Ahnungslosigkeit zerstören oder verfremden und damit wertlos machen. Dieser Schatten des Wissen aber, verursacht durch die Begrenztheit des Wissens der Beteiligten, wird nun durch das Licht der LED-beleuchtete Smartphonebildschirme übermalt. Überall dort, wo ein Fragezeichen zurückbleibt, wird in Zukunft ein Times New Roman-g stehen. Meine Kernthese: Die Sanktionierung von Klugscheißern, Besserwisserinnen und Aufschneidern wird auf lange Sich aussterben. Weil sich unsere
Diskussionskultur verändert. Und das finde ich bedauerlich. Warum ich das bedauerlich finde, wird vielleicht klar aus den Konsequenzen, die ich in diesem Wandel vermute. Der Grund, warum Gespräche zwischen D und mir sooft eine gewisse Tiefe erreichen, sind einerseits die bereits erwähnten positiven Vorzüge, Logik und Meinung. Andererseits die Strategien, mit negativem Wissen umzugehen. Nämlich ökonomisch. Jede Frage, auf die beide keine Antwort haben oder nur unsichere Vermutungen, werden
nicht zum essentiellen Teil des Gesprächs – und daher in der Regel fallengelassen. Was nützt der Unterhaltung die genaue Einwohnerzahl meiner Heimatstadt aus dem mikroZensus? Was nützt eine Diskussion über einen politischen Vorstoß, wenn beide nichts genaues darüber wissen? Oder ein Fußballspiel, wo nur das Ergebnis bekannt ist? Nichts, als weg damit, reden wir über etwas anderes. Dadurch redet man über Dinge, die beide interessieren und sich von sich aus regelmäßig selbst informieren. So merkt man auch schnell, ob man überhaupt gemeinsame Themen hat. Wenn jedes Wort der Überprüfung, jede Frage einer Antwort ausgesetzt sein kann, lässt sich weniger leicht Kurs halten im Gespräch zweier an den Meinungen des anderen interessierter Individuen. Das Gespräch wird mit intersubjektiven Wissensbeständen, die mehr oder weniger dynamisch eingepflegt werden können, verwässert, umgeleitet und zunehmend unpersönlich, dadurch anfällig für überflüssige Details und träge.
Nicht nur, dass absehbar ist, dass jedes Fragezeichen ein Ausrufezeichen provoziert. Diese Entwicklung hat auch eine gewisse Unsicherheit zur Folge. Kann ich mich im analogen Gespräch anhand von geteiltem Wissen positionieren, muss ich im (halb-)digitalen Gespräch fürchten, durch neueste Entwicklungen korrigiert, belehrt oder für irrend erklärt zu werden. Daraus erwächst eine gewisse sprachlose (und sprachlos machende) Meinungslosigkeit – jedes Urteil steht ohnehin wieder unter dem
Verdacht, revisionsbedürftig zu sein. Und wieso sich jetzt zum Kanzlerkandidaten äußern, wenn mir fünf Minuten später eine Zitateliste vergangener Tage um die Ohren gehauen wird, wie kritisch er sich sich einst zur eigenen Partei äußerte? Die Antwort auf „Was denkst Du dazu?“ wird mit Verweis auf die komplexe Sachlage verweigert – Meinungsflucht dank Wissenspedanterie.
An dieser Stelle ist eine abstraktere Analyse hilfreicher als das anekdotische Jammern. Was passiert aktuell, wenn im Gespräch jedes Wort überprüfbar wird? Wenn Wissensschatten ausgeleuchtet werden? Es vollzieht sich ein Vorzeichenwechsel in der Gesprächskultur. Nicht diejenige, die am belesensten oder erfahrensten ist hat die Autorität des Gesprächs, sondern die, die am schnellsten im gelben Wörterbuch
nachschlagen kann. Nicht derjenige, der profunde Meinungen präsentiert, wird diskutiert, sondern der, der die aktuellste Meinung einer Onlinetageszeitung zitieren kann. Und nicht diejenigen, die die witzigsten Vorschläge auf eine offene Wissensfrage haben, erhalten Aufmerksamkeit, sondern die, die noch zehn weitere Fakten und eine Fotostrecke durch die Runde reichen können. Das Wissen dringt in unsere Gespräche, aber auch in unsere Beurteilungskategorien und damit in unsere Sanktionierungsgewohnheiten. Wer ist denn noch ein Klugscheißer, wenn alle in der Runde einen Irrtum mal eben nachgooglen und richtigstellen können? Um Klugscheißer zu sein, bedarf es der mutwilligen Zerstörung von Wissensschatten, die im Prinzip nur noch durch das künstliche Verzichten auf das Überprüfen des Dinge bestehen bleiben. Es ist eine Illusion zu glauben, zwei Menschen mit Smartphone würden dauerhaft ohne die Internetfunktion reden können. Es lässt sich ein Imperativ rekonstruieren, der besagt, dass verfügbares Wissen berücksichtigt werden soll – um nicht stundenlang Irrtümern aufzusitzen oder von der kitzelnden Versuchung, es richtig zu wissen, geplagt zu werden. Es ist doch lächerlich anzunehmen, eine Gruppe von Freunden rätselt hartnäckig, aber vergnügt an der Frage, wie das erste Bond-Girl hieß, während alle in der Tasche ein Gerät haben, dass die Antwort in wenigen Sekunden
liefert. Was da ist, wird genutzt.
Was also ist zu tun, wenn wir eingesehen haben, dass wir selbst einen Wissensoptimierungsmechanismus folgend bald alle Klugscheißer sein werden? Man kann freilich über die Entwicklung traurig sein (so wie ich), allerdings bedarf es auch der eigenen Öffnung gegenüber den Möglichkeiten, die sich ergeben. Denn zwar wird eine eigene Meinungsbildung erschwert – sowohl durch den Erwartungsdruck, alle relevanten, zugänglichen Informationen berücksichtigt zu haben, als auch durch die Überprüfbarkeit alle mit der Meinung verbundenen Fakten-, doch ist diese Meinung ein Alleinstellungsmerkmal – und damit erst einmal interessant. Die eigene Perspektive, die Grundeinstellungen, das rhetorische Geschick und die Sympathie werden betont und nicht der Wissensvorsprung, welches unweigerlich ein indirektes Herrschaftsverhältnis etabliert. (Wissen ist Macht. Nun, da dieses Wissen jedem zugänglich ist, ist auch die Macht geteilt) Dadurch gibt es die Möglichkeit, sich selbst argumentativ auszustaffieren, zu lernen und zu verfeinern. Und das bedeutet, sich selbst zu stärken. Der Verlust der Kultur des spielerischen Unwissens wird unsere Gesprächskultur und unsere Gesellschaft nachhaltig und grundlegend verändern, weil das aufziehende (und einziehende) Wissen und der begleitende Imperativ der Anwendung aller
Wissensressourcen unsere Kategorien und Sanktionierungsformen verändert. War früher jemand, der triumphal aus „Faust“ zitieren konnte, um einen anderen eines Besseren zu belehren, eine Besserwisserin und einer, der sich überall mit klugen Ratschlägen einmischen musste, ein Klugscheißer, sind das heute lediglich diejenigen, die die vorhandenen und kinderleicht zu beschaffenden Wissensbestände genutzt haben. Allerdings, so eine mögliche Hoffnung, können Menschen dadurch ihre Meinungen, Bewertungen und eigenen Positionen stärken und offensiver vertreten. Denn ob Sean Connery, Roger Moore oder Daniel Craig die besten James-Bond-Darsteller sind, steht nicht im Internet. Und ob in einer Umfrage 80% der Befragten für Sean Connery votierten, beeinflusst die eigene Meinung keineswegs.
Diese Stärkung und öfter vorkommende Konfrontation mag vielleicht auch zu einer verstärkten Reflektion eben jener Positionen führen, und -und das ist jetzt sehr optimistisch- vielleicht sogar zu so etwas wie moralischem Fortschritt. Ganz ohne Smartphone und gelbem Wörterbuch.



Dienstag, 30. August 2011
Wie viele Blogs würden wohl gar nicht erst angefangen zu schreiben, wenn sich die Ersteller vorher konsequenzenreich Gedanken machen würden, ob ihr Blog es auf irgendeine relevante Stufe des Niveaus und der Aufmerksamkeit schafft? Nähmen sie die wahrscheinlichen Konsequenzen ernst, sie ließen es wohl ganz; dann allerdings gäb es bald gar keine neuen Blogs mehr, jeder würde seine Energie anders umsetzen.

Dass es aber trotz dieser geringen Chancen auf Relevanz tausende neue Blogs Woche für Woche gibt, scheint irrational und ist es wohl auch. Wieso wird es aber trotzdem gemacht? Mir bieten sich mehrere Erkläungen an, ich favorisiere zwei, die nicht mal unbedingt unvereinbar sein müssen: 1. Blogs werden als expressives Mittel zur Mitteilung genutzt; d.h. auf ihnen wird im Format eines geschnürten Textpaketes einfach dem Bedürfnis der (unterstellten...) Aufmerksamkeit nachgegangen. Da macht es nichts, ob der Blog sich festsetzt als Institution - solang ich rausposaunen kann, was ich denke, reicht es. 2. Blogs werden in ihrer Eigenschaft als Lautsprecher überschätzt; d.h. mit ihnen lassen sich vermeintlich wichtige Gedanken effektiv verbreiten, wie z.B. politische/gesellschaftliche Positionen, Modeauffassungen und -eigenvorschläge.

In beiden Fällen kommt es im Wesentlichen auf den Autoren des Blogs an, und genau das unterscheidet ihn vom professionellen Journalismus. In diesem ist der Text ein nachgefragtes Produkt, Artikel, Reportagen, Rezensionen und auch intim wirkende Kolumnen oder Glossen martenstein'scher der willemsen'scher Ausmaße sind in erster Linie Produkte für einen Markt. Im Profijournalismus ist eine Maschinerie im Gang, die mit Texten als Treibstoff funktioniert und notwendigerweise Textproduzenten mitzieht. Beim Blog ist es umgekehrt, dort versucht sich ein Individuum mit Produktionen von Text, Ton oder Bild ein Gehör als Individuum zu verschaffen. Im Blog sind die Texte sind der Mittel zum Zweck der Darstellung der Person, im Profijournalismus sind die Journalisten Mittel zum Zweck des Druckes von Texten.

Wenn Blogger also versuchen, den Profijournalismus nachzuahmen, indem sie versuchen, ihren Text als Angebot auf eine Nachfrage zu gestalten, müssen sie im Anfang schon scheitern. Damit ein Start aber gelingt, muss eine belastbare Nachfrage überhaupt entstanden sein. Ein in einen gewissen Rahmen eingeflochtener Blog wird dann auch zwangsweise zur Relativierung des Bloggers führen, schließlich ist der Blog Pflicht geworden.

Alle Blogger verfolgen das Ziel, irgendwann einmal in der Pflicht für ihren Blog zu sein, weil das Interesse anderer entsprechend groß geworden ist. So auch ich. Zuerst aber bin ich mir der Probleme sehr bewusst, und sehe auch die Dissonanz zwischen der geringen Wahrscheinlichkeit, mit diesem Blog etwas sinnvolles zu schaffen, und dem Aufwand dazu. Und trotzdem mach ich es wie alle anderen auch. Wie viele andere auch werde ich darüberhinaus analysierend tätig sein (weil ich nichts anderes besser kann), und das zur Politik, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft tun. Diese Schlagworte sind größer als ich selbst, und das interessiert mich nicht. Die Chancen zu scheitern stehen ohnehin sehr gut, da ist es doch fahrlässig, auch noch tief zu stapeln.